Programm

Programm und Ablauf:

10h30 Begrüßung und Einleitung

11h: Deutsche Ideologie. Soziologie und Gesellschaft nach dem Nationalsozialismus

Gerhard Stapelfeldt

Weil die Grundgesetze der von Comte begründeten Soziologie bereits durch den Frühsozialismus Saint-Simons formuliert wurden, hat die Wissenschaft vom logos der societas bisweilen immer noch den Ruf, kritisch zu sein.

Soziologie indes ist eine Theorie, die gesellschaftliche Verhältnisse voraussetzt, keine Gesellschaftstheorie. Sie drückt daher das Selbstverständnis von Gesellschaften nur aus, ohne es aufzuklären. Die westdeutsche Soziologie nach 1945 hat entsprechend keine Aufklärung der verbrecherischen Vergangenheit, sondern einen Beitrag zu deren Verdrängung geleistet. Sie stand immer auf der Höhe des Zeitgeistes, ohne diesen zu reflektieren. Das kann an den Stadien der Entwicklung der deutschen Soziologie gezeigt werden, in denen sich die Stadien der sozialökonomischen Entwicklung ausdrücken.

13h: Pause

14h: Weltmarkt bei Marx

Nadja Rakowitz

Der Weltmarkt gehört notwendig zum Kapitalismus dazu. Er ist insofern schon von Beginn der Darstellung der Kritik der politischen Ökonomie von Karl Marx vorausgesetzt – allerdings nicht als begriffener. Um das Kapitalverhältnis zu begreifen müssten wir es in der Manier dieser Kritik von der einfachen Zirkulation wieder bis zum Weltmarkt durcharbeiten. Auf dem Weg dorthin stößt man auf universelle Freiheit und Gleichheit in der Zirkulation und vor dem Recht(sstaat), auf Ausbeutung und Herrschaft im Produktionsverhältnis, auf die besondere Beschränkung des Nationalstaats und letztlich auf das „Übergreifen der bürgerlichen Gesellschaft über den Staat“ auf dem Weltmarkt als universalem gesellschaftlichen Verhältnis in völlig verkehrter Form. Ist hier eine der Minen zu finden, „ohne die alle Sprengversuche Donquichoterie“ wären?

16h30: Zum Abstraktionstabu im Feminismus. Frauen, das Viele, die Differenzen, Intersektionalität und das »vergessene« warenproduzierende Patriarchat

Roswitha Scholz

Nachden kulturalistischen 1990er Jahren wird auch im Feminismus wieder verstärktdie Parole »Frauen denkt ökonomisch!« (Nancy Fraser) ausgegeben; es ist voneinem »social re-turn« (Knapp/Klinger) die Rede, Debatten um Intersektionalität,um den Zusammenhang von »Rasse«, Geschlecht und Klasse haben Hochkonjunktur, inqueerfeministischen Szenen wird wieder verstärkt auf das Verhältnis von Produktion und Reproduktion rekurriert und die Sinnhaftigkeit von Genderforschung wird zumindest zur Diskussion gestellt.

Dennochist immer noch viel von Differenzen, Widersprüchen, Ambivalenzen,Partikularitäten usw. die Rede. Der gegenwärtige Feminismus (ich weiß, dass es davon schon immer viele gibt) ist weit davon entfernt, das asymmetrische Geschlechterverhältnis als zentrales gesellschaftliches Grundprinzip auszumachen, das für das warenproduzierende Patriarchat wesentlich ist. Der offensichtlich androzentrische Charakter einer »neuen Marxlektüre« bleibt auf diese Weise übrigens gänzlich unbehelligt. Es scheint, als sei der Feminismus in die Differenzen, das Kleinteilige und Partikulare geradezu vernarrt. Selbst die neuerlichen Analysen zur Intersektionalität tummeln sich reduktionistisch auf einer soziologisch-deskriptiven Meso-Ebene der gesellschaftlichenStrukturbestimmungen, bar jeder Reflexion eines gesellschaftlichen Basisprinzips.

Meine These vor dem Hintergrund der Wert-Abspaltungstheorie ist es somit, dass angesichts der noch immer gegebenen dekonstruktivistischen Dominanz nicht nur ein »Artikulationsverbot« (Tove Soiland) der Geschlechter-(Miss)Verhältnisse besteht, sondern ebenso ein Abstraktionsverbot,das es unmöglich macht, das hierarchische Geschlechterverhältnis als GRUNDLEGENDE PHILOSOPHISCHE GRÖSSE zu behandeln und dann vor diesem Hintergrund sozialökonomische Disparitäten, Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus etc.zu skandalieren und den Differenzen, dem Partikularen usw. statt zu geben.“

19h: Pause

20h: Negativität und Utopie – Thesen zum gegenwärtigen Verhältnis von kritischem Denken und Wissenschaft

Symposiums-Vorbereitungsgruppe

Die zunächst vielleicht etwas merkwürdig erscheinende Kombination von Negativität und Utopie erhält ihren Sinn als negatives Spiegelbild des gegenwärtigen Wissenschaftsbetriebs, in dem, nach der weitgehend abgeschlossenen Verdrängung kritischen Denkens aus den Universitäten in Deutschland, die bestehende als die beste aller möglichen Welten übrig blieb. Das Verschwinden der Utopie und das Verstummen einer Kritik im Modus der Negativität drückt sich darin aus, dass sich Wissenschaft zur Beratungsagentur für „Problemlösungsstrategien“ transformiert und das Ideal eines besseren Lebens, wenn überhaupt noch gedacht, in die Rechtssphäre verlagert wird, womit das Bestehende selbst zur Utopie verklärt wird. Die Fragen, die zu diskutieren wären

sind: Welches Verhältnis besteht zwischen Negativität und Utopie, was ist die wissenschafts- und gesellschaftspolitische Konsequenz des Verlusts der Negativität, vor welchen Herausforderungen steht kritisches Denken heutzutage und vielleicht auch: Welche Potentiale öffnen sich gegenwärtig für kritisches Denken, welches an Negativität festhält?

Im Anschluss: Barabend

Es wird zudem versucht zumindest in einer Pause ein Essen/Buffet anzubieten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.